Betriebsunterbrechung – vorausschauendes Management oder „Blindflug im Nebel“?

Seit Jahren rangiert das Betriebsunterbrechungsrisiko an der Spitze des „Allianz Risk Barometers“,  der Top Ten-Liste der Unternehmensgefahren, in Deutschland und weltweit. Es ist Zeit für eine Bestandsaufnahme und Positionsbestimmung. Die nimmt Ralf Dumke vor, Risk Consultant und erfahrener BU-Experte bei der AGCS in München. Ein Plädoyer für mehr Anstrengung im Risikomanagement von BU-Risiken - mittels der Berechnung potenzieller Schadenhöhen und
Schadeneintrittswahrscheinlichkeiten.
Wie resilient ist Ihre Lieferkette? Das fragte bereits Volker Münch in seinem agcs.momentum-Artikel vom März 2015. Sein Fokus lag dabei auf Supply-Chain-Management, und er machte klar, dass nur ein ganzheitlicher Blick auf die internen und externen Abhängigkeiten in der Produktionskette die Basis von effektivem Risikomanagement sein kann.

Die internen und externen Abhängigkeiten in Industrieunternehmen sind in den letzten Jahren eher gestiegen als gesunken. Das liegt zum einen an einer für die Entwicklung und Fertigung von innovativen und hochwertigen Produkten nötigen Spezialisierung und Konzentration von Fertigungstechniken. Zum anderen vergrößert die Globalisierung die Abhängigkeiten von Zulieferern in aller Welt. Auch wenn ein Unternehmen mit Produkten im Niedrigpreis-Markt erfolgreich ist, erhöht der gerade hier lastende Kostendruck die Anfälligkeit der Produktionskette für Störungen. Gleichzeitig ist die Komplexität der Produktionsketten in der Vergangenheit kontinuierlich gestiegen.

Wie Volker Münch in seinem Artikel aufzeigt, verbindet sich dieser Trend zu größerer Komplexität mit dramatisch ansteigenden Gefahren, z.B. bei Naturgefahren. Häufig liegen die Zulieferer in Regionen, die regelmäßig von Naturkatastrophen betroffen sind. Hier gelangt auch der Einflussbereich der Unternehmen an seine Grenzen.

Für die Gefahr „Feuer“ hingegen sind seit langem Schutzkonzepte gut bekannt, beispielsweise automatische Sprinkleranlagen, und sie werden auch in großem Maße eingesetzt. Sie müssen zwar immer wieder an neue oder veränderte Lager- und Logistikkonzepte angepasst werden, jedoch können Unternehmen mit diesen Schutzkonzepten nicht nur Sachwerte effektiv schützen, sie können auch ihr Betriebsunterbrechungsrisiko signifikant senken.

Jedes Unternehmen hat das Ziel, mit seinen Produkten oder Dienstleistungen Umsatz zu generieren. Unter Abzug der Herstellungs- und Fixkosten soll ein Ertrag erwirtschaftet werden. Dieser Ertrag kann in die Entwicklung neuer innovativer Produkte und Dienstleistungen investiert werden und so das Unternehmen noch erfolgreicher machen. Ein erfolgreiches Geschäftsmodell bindet Investoren und legt für den oder die Eigentümer den Grundstein für ein ertragreiches und hoffentlich langfristiges Wachstum.

Ein Unternehmer muss jedoch auch große Risiken eingehen. Er trägt Verantwortung für sein eigenes in die Unternehmung investiertes Vermögen und für die Gelder der Investoren. Auch die Verantwortung für die Arbeitsplätze vieler Mitarbeiter und nicht zuletzt für die auf dem Markt benötigten Produkte wiegt schwer.

Einen Teil der finanziellen Risiken kann der Unternehmer transferieren, z.B. an Versicherungsunternehmen. So wird eine Betriebsunterbrechungsdeckung häufig auch als „Bilanzschutz“ für den Katastrophenfall eingekauft.

Abb 1: Ermittlung der BU-Versicherungssumme (Quelle: AGCS)

„Intercompany sales“ oder auch „interne Verrechnungskosten“ sind ein Teil der Wertschöpfungskette im Ganzen und somit als Berechnungsgrundlage für den Risiko-Regelkreis völlig ungeeignet. Ihr Wert beinhaltet ja lediglich variable und fixe Kosten für einen einzigen Prozessschritt. Die Aggregation dieser Kosten für alle Prozessschritte zuzüglich der Marge ergibt jedoch erst den tatsächlich gefährdeten BU-Betrag.

Bei einer Betriebsunterbrechung gehen wir daher immer nur vom BU-Wert des Endproduktes aus. Der BU-Wert berechnet sich aus dem Deckungsbeitrag 1 (DB1) zuzüglich der Personalkosten, die im Falle einer Betriebsunterbrechung durch ein Schadenereignis in der Regel nicht als „variabel“ angesehen werden.

Die hohe Anfälligkeit für Betriebsausfälle findet ihren Ursprung häufig in der Produktionsplanung. Bereits in der Planung einer Produktionsanlage sollte das Betriebsausfallrisiko berücksichtigt werden. Entsprechende KPIs für den neu zu planenden Produktionsschritt können leicht berechnet werden.
Das BU-Risiko wird durch die Art der Produktion (z.B. eine oder mehrere redundante Linien), der Wiederherstellungszeit von Gebäuden und Maschinen sowie der möglichen Ausweichkonzepte beeinflusst.

Es lassen sich theoretische KPIs für bestimmte Zeiteinheiten berechnen, z.B. der BU-Wert pro Woche in Euro. Mit diesen KPIs kann auch eine Priorisierung vorgenommen werden. Dem gefährdeten Ertragsanteil werden Investitionskosten für Schutzkonzepte (z.B. automatische Sprinkleranlagen) oder auch für Redundanzen (z.B. Maschinen, Formen) entgegengestellt. Diese Investitionen wiederum haben das Potenzial, das BU-Risiko im Hinblick auf die Eintrittswahrscheinlichkeit oder Schadenhöhe zu verringern.

Die Differenz einer Schadenschätzung mit oder ohne Investition im Vergleich zu den Investitions-kosten ermöglicht eine kaufmännisch sinnvolle Abschätzung und Entscheidungsgrundlage für die Frage, ob sich diese Investition in mehr Sicherheit auch lohnt.

Hilfreich bei dieser Entscheidung ist sicherlich, wenn ein bestimmter Level an Resilienz durch das Unternehmen eingefordert oder festgelegt wurde, analog zu Qualitätsstandards.

Der Resilienz-Level ist je nach Unternehmen unterschiedlich und wird bestimmt durch das Restrisiko, welches ein Unternehmen nach Abwägung aller Einflussfaktoren bereit und fähig ist zu tragen.

Die Eintrittswahrscheinlichkeit von Höchstschadenschätzungen wird von Sachversicherern häufig mit zwei unterschiedlichen Werten bestimmt:

  • dem sogenannten „Normalschadenszenario“ Estimated Maximum Loss (EML)
  • und dem „Worst-Case-Szenario“ Maximum Foreseeable Loss (MFL)

Die Schadenschätzungen enthalten sowohl den Sach-, als auch den Betriebsunterbrechungsschaden. Beim EML gehen wir davon aus, dass alle Schutzmaßnahmen überwiegend funktionieren. Deswegen beschreibt diese Schadenschätzung auch das Risiko, welches theoretisch jeden Tag mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit eintreten kann.

Beim „Worst-Case-Szenario“ MFL gehen wir davon aus, dass keine der Schutzmaßnahmen funktioniert, dass sich das Feuer durch große räumliche Trennungen nicht weiter ausbreiten kann und in den betroffenen Bereichen aus „Mangel an Nahrung“ erlischt.

Das Verhältnis dieser beiden Werte (EML/MFL) beschreibt wiederum die Wirksamkeit der Schutzkonzepte.

Während der MFL ein sehr theoretischer und besonders für den Versicherer wichtiger Wert für dessen eigenes Risikomanagement ist, lässt sich der EML sehr gut für das Risikomanagement von Unternehmen nutzen. Die Szenarien sind nachvollziehbar und wahrscheinlich.

Problematisch ist nur, dass entsprechend der installierten Schutzkonzepte die Eintrittswahrscheinlichkeit für eine auf der Gefahr Feuer basierende Schadenschätzung nicht für alle EML- und MFL-Werte gleich hoch ist.

Die Eintrittswahrscheinlichkeit für eine Feuer-Schadenschätzung wird von folgenden Werten beeinflusst:

  • Betriebsart und die davon abhängige statistische Anzahl von zu erwartenden Entstehungsbränden pro Jahr (Beispiel: in einer Gießerei kommt es häufiger zu Bränden als in einem Verwaltungsgebäude)
  • Erste Intervention durch die Feuerwehr – schnelle Verfügbarkeit einer schlagkräftigen Feuerwehr und deren Ausfallwahrscheinlichkeit (Abgrenzung zwischen freiwilliger, Berufs- und Werksfeuerwehr)
  • Aktive Schutzkonzepte und deren Ausfallwahrscheinlichkeiten (z.B. automatische Brandmelder und automatische Löschsysteme)

Beispiel: Bei einem EML mit vorhandener Berufsfeuerwehr und automatischer Sprinkleranlage wird die Anzahl der zu erwartenden Entstehungsbrände und die Ausfallwahrscheinlichkeit der Feuerwehr berücksichtigt. Da die automatische Sprinkleranlage als funktionierend angesetzt wird, geht deren Ausfallwahrscheinlichkeit nicht in die Berechnung ein (wirkt sich aber auf die Schadenhöhe aus).  Die Eintrittswahrscheinlichkeit könnte hier bei  0,01 liegen, also bei einer zu erwartenden Wiederkehrperiode von einmal in hundert Jahren.

Gleiches Beispiel mit MFL: Hier müsste neben der Feuerwehr auch noch die Sprinkleranlage ausfallen. Die MFL-Eintrittswahrscheinlichkeit könnte bei 0,001 und darunter liegen, also weniger als einmal in tausend Jahren.

Dieser Vergleich macht deutlich, in welchem Maße die Installation einer Sprinkleranlage sowohl die zu erwartende Schadenhöhe im Normalschaden als auch die Eintrittswahrscheinlichkeit des Worst-Case-Szenarios positiv beeinflussen kann.

Fazit: Es existieren gute Instrumente und Berechnungsmethoden - sowohl für die Schadenhöhe als auch für deren Eintrittswahrscheinlichkeit. Liegen diese Werte für viele Standorte und Produktionsbereiche vor, kann das eine hilfreiche Basis für Management-Entscheidungen im Hinblick auf das erforderliche Maß an Resilienz bzw. auf notwendige Deckungskonzepte sein.

Dank eines großen Einblicks in alle Industriesparten können wir bei der „Positionsbestimmung“ in Sachen Lieferkette behilflich sein. Auch können wir Sie bei der Bewertung von Risiken und der Einführung eines Risiko-Regelkreises beraten.

Dabei nutzen wir Erfahrungswerte und bewährte Methoden der BU-Analyse, aber auch neue Techniken wie die Big-Data Analyse und unterstützende IT-Systeme.

Vermeiden Sie „Nebelbänke“ und das ungute Gefühl, nicht zu wissen was auf Sie zukommen kann – stay tuned

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