Wissen, woher der Wind weht

Mit dem Offshore Code of Practice (OCoP) wurde ein Meilenstein für das Risikomanagement im Bereich Windenergie geschaffen. Der 2014 publizierte Leitfaden liefert Transparenz in das Risikogemenge beim Bau von Windparkanlagen. Doch die Entwicklung geht weiter.
Neue Technologien und Erfahrungen aus Schäden verlangen ein Update des Standardwerks. Das ist das Anliegen von Harald Dimpflmaier, Chief Underwriter Engineering bei der AGCS in München. Als Koordinator der Marktinitiative war er an der Entstehung des OCoP wesentlich beteiligt.
Die Errichtung von Offshore Windparks ist mit großen Risiken verbunden. Hier handelt es sich um äußerst komplexe Projekte, deren Investitionssummen schnell bei über eine Milliarde EUR liegen. Die Baustellen auf hoher See erstrecken sich nicht selten über eine Fläche von 30 km² - das sind mehr als 4.000 Fußballfelder. Der Rotordurchmesser kann je nach Anlage über 120 Meter betragen;  zum Vergleich: die Spannweite eines Airbus A 380 liegt bei 80 Metern. Die Gondeln, die in entsprechender Nabenhöhe montiert werden, haben ein Gewicht von über 300 Tonnen.

Der enormen Herausforderung von Bauprojekten dieser (Risiko-)Größenordnung stellten sich europäische Versicherer und Rückversicherer bereits im Jahr 2010. Im Rahmen des European Wind Turbine Committee (EWTC) kamen sie damals zu dem Entschluss, einen umfassenden Leitfaden für das Risikomanagement von Offshore Windanlagen zu erarbeiten.

Vertreter der Offshore Windindustrie wurden hierbei von Beginn an eingebunden. Damals gab es noch relativ wenig Erfahrung in der Branche – ein „Joint Code of Practice“ sollte mehr Risikotransparenz in die Komplexität der Risiken bringen und die Bedeutung eines ganzheitlichen Risikomanagements bekräftigen. Mit dem Leitfaden leistet die Versicherungsindustrie einen praktischen Beitrag zur Schadenvermeidung im Offshore Windbereich, was -klar- im Interesse aller beteiligten Unternehmen liegt.

Mit Unterstützung der Stiftung Offshore Windenergie und dem Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) konnte eine Initiative ins Leben gerufen werden, die es ermöglichte, mit insgesamt 90 Experten eine detaillierte Risikoanalyse durchzuführen. Zu diesem Zweck wurde mit allen wichtigen Beteiligten virtuell ein Offshore Windpark gebaut. Versicherer, Rückversicherer, Versicherungsmakler, Energieerzeuger, Anlagenbauer, Investoren, Banken, Berater und weitere „Player“ der Offshore Wind-Branche haben Vertreter in insgesamt 10 Arbeitsgruppen (Expertenteams) geschickt. Ergebnis: Über 500 Risiken wurden identifiziert, die Risiken bewertet und entsprechende Schutzmaßnahmen beschrieben.

Bei der Risikoanalyse hat man sich auf die Hauptkomponenten eines Offshore Windparks konzentriert. Das sind im Wesentlichen die Windturbine (inklusive Rotorblätter, Turm und Gründungsstruktur), die Umspannstation, die im Regelfall ebenfalls auf hoher See errichtet wird, sowie die Innerparkverkabelung. Es wurden alle relevanten Projektphasen durchleuchtet, von der Baugrunduntersuchung bis hin zum Probebetrieb. Bei der Bewertung der Risiken wurde nach „niedrig“, „mittel“, „hoch“ und „sehr hoch“ unterschieden.

Die Ergebnisse der Arbeitsgruppen wurden nach einem einheitlichen Schema sorgfältig dokumentiert und mit Hilfe der Hochschule Bremen ausgewertet und zusammengefasst.

Der Leitfaden konnte schließlich im Jahr 2014 über den GDV/VdS mit dem Arbeitstitel „Offshore Code of Practice (OCoP)“ in deutscher und englischer Sprache veröffentlicht werden. Später kam noch eine chinesische Version hinzu. Der OCoP beschränkt sich nicht nur auf die Liste der 500 Risiken. Im Allgemeinen Teil des Leitfadens werden die Bedeutung eines ganzheitlichen Risikomanagements zum Ausdruck gebracht und die Aufgaben und Verantwortungsbereiche des Marine Warranty Surveyors (MWS) beschrieben. Außerdem enthält dieser Teil eine Auflistung von Risiken, die trotz Schutzmaßnahme von den Expertenteams als „hoch“ eingestuft wurden (signifikante Risiken).  

Der OCoP ist derzeit als Druckversion und elektronisch als PDF Datei verfügbar. Zur Verbesserung der Anwenderfreundlichkeit gibt es nun Überlegungen, auch eine Web-Version anzubieten, um einen gezielten und schnellen Zugriff auf einzelne Spezialinformationen zu ermöglichen. Wird z.B. nach risikomindernden Maßnahmen im Zusammenhang mit dem Jacking-Vorgang bei der Montage der Offshore Umspannplattform gesucht, würden die Ergebnisse nach nur wenigen Klicks erscheinen – so die Idee. Im Übrigen lassen sich die Pflege der Daten sowie künftige Updates mit einer digitalen Version wesentlich einfacher bewerkstelligen.

Nicht nur die Digitalisierung des OCoP ist derzeit ein Thema, auch die Notwendigkeit seiner inhaltlichen Überarbeitung. Neue Technologien, etwa schwimmende Fundamente (Floating Structures), die besondere Naturgefahrenexponierung in Regionen außerhalb Europas oder jüngste Schadenerfahrungen sollten Eingang in den Leitfaden finden. Die Überarbeitung könnte von einem Kernteam vorbereitet und von einer Expertengruppe aus der Offshore Wind Industrie geprüft werden.

Im Rahmen der AGCS Expert Days im November 2017 in München, zum Thema „Technologische Herausforderungen der Green Energy“, wurde der OCoP ausführlich vorgestellt. Nach ihrer Meinung zu dem Leitfaden befragt, begrüßten die Teilnehmer (Vertreter aus dem Bereich der Erneuerbaren Energien, u.a. der Offshore Windindustrie) den Plan einer inhaltlichen Überarbeitung, den man sogar aktiv unterstützen wolle.  Großen Anklang fand auch die Idee einer Web-Version des OCoP.

Diese positive Resonanz aus dem Markt ist nun hilfreich für die weitere Planung auf Seiten der  involvierten Versicherer und Verbände. Der OCoP als Risikomanagementplattform für Offshore Windenergie-Projekte bleibt somit im Fokus - mit dem Ziel, eine gleichbleibend hohe Risikotransparenz für alle beteiligten Unternehmen zu gewährleisten.

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