Gute Aussichten

Osteuropa1 gehört zu den jungen Märkten des industriellen Haftpflicht-geschäfts. Das Bewusstsein für Haftungsrisiken ist deutlich niedriger als in anderen europäischen Ländern. Allerdings ist zu erwarten, dass sich der Haftpflichtmarkt im Vergleich zu den anderen Sparten rasch entwickeln und wachsen wird. Davon ist Atanas Aleksiev, bei der AGCS in Wien vertriebs-verantwortlich für Osteuropa, überzeugt.

Das Bewusstsein für Haftungsrisiken ist bei Kunden und Maklern in den Ländern Osteuropas relativ gering. Dies spiegelt zum einen die allgemeine Versicherungs-durchdringung in der Region wider, zum anderen bewegt sich die Schaden-entwicklung in Osteuropa bislang auf niedrigem Niveau.

Allmählich ändert sich die Situation, wenn auch langsam. Es ist eine zunehmende Sensibilisierung zu erwarten, und damit eine stete Weiterentwicklung des Haftpflichtversicherungsmarkts. Das bedeutet beachtliche Wachstumschancen in naher Zukunft.

  • Schadenverlauf – immer mehr der in Osteuropa produzierenden Unternehmen exportieren ins Ausland, was wohl zu weiteren Produkthaftungsansprüchen führen wird. Dieser Trend gilt auch für Unternehmen im Dienstleistungsbereich. Die steigende Zahl der Schadenfälle erhöht das Bewusstsein für Haftpflichtrisiken und bewirkt eine wachsende Nachfrage nach entsprechendem Schutz.  Eine wichtige Rolle spielt zudem die allgemeine Praxis der Regressforderungen seitens der Versicherer, wenn für Schäden Dritte verantwortlich sind.
  • Anforderungen des Handelspartners / der ausländischen Investoren – Osteuropäische Produktionsunternehmen exportieren häufig im Auftrag ausländischer (amerikanischer oder europäischer) Partner, die den Nachweis einer abgeschlossenen Haftpflichtversicherung verpflichtend einfordern. Darüber hinaus fordern die meisten ausländischen Investoren  von ihren lokalen Partnern sehr weitreichende Versicherungsdeckungen, bevor sie sich auf ein Engagement einlassen.
  • Änderung der EU-/lokalen Gesetzgebung – In den meisten osteuropäischen Ländern gibt es je nach lokaler Gesetzgebung eine bestimmte Zahl an verpflichtend vorgeschriebenen Haftpflichtdeckungen. Auch spielt die Umsetzung von EU-Richtlinien in lokales Recht eine wichtige Rolle: So entsteht ein erhöhter Bedarf, um diesen Anforderungen gerecht zu werden. Ein gutes Beispiel hierfür sind die EU-Richtlinien für Umwelthaftpflicht, die das Bewusstsein für Umwelthaftpflichtdeckungen bereits erhöht haben und dennoch bleibt die Durchdringung derartiger Umweltdeckungen in Osteuropa bislang gering.

Die Preisgestaltung in der Haftpflichtversicherung hängt, wie in den meisten Sparten, größtenteils vom Schadenverlauf eines bestimmten Risikos und von der Industriebranche ab.

Aufgrund der geringen Schadenerfahrung in Osteuropa ist das Prämienniveau dort relativ niedrig und der gesamte Markt ziemlich weich. Das fehlende Bewusstsein für Haftpflichtrisiken führt zu einer Unterbewertung des Risikos und somit zu einer Prämie, die dem tatsächlichen Prämienbedarf aus Sicht des Versicherers nicht entspricht. Ein weiterer Aspekt ist die mangelnde Erfahrung der örtlichen Gerichte im Umgang mit Haftungsklagen. So kommt es z.B. vor, dass unterschiedliche  Versicherungsfall-Definitionen nicht erkannt werden, was zu voneinander abweichenden und inkonsistenten Gerichtsurteilen führt. 

Polen ist einer der größten osteuropäischen Märkte, und auch einer der herausforderndsten. Ein Beispiel dafür, das nicht in unmittelbarem Zusammenhang mit der Haftpflichtsparte  steht: die Entwicklung von TUW PZUW, einer Einheit der Powszechny Zakład Ubezpieczeń (PZU), Polens größtem Versicherer, der im staatlichen Besitz ist. Der Versicherer gründete im Juli 2016 die TUW PZUW als Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit, der nur seine eigenen Mitglieder versichert, die gleichzeitig auch die Eigentümer des Vereins sind.

Das Versicherungsunternehmen wird von der polnischen Finanzaufsicht überwacht. Die PZU SA tritt als Bürge auf. Einige der größten Unternehmen mit staatlicher Beteiligung haben bereits eine einvernehmliche Regelung mit TUW PZUW geschlossen, z.B. PGE Polska Grupa Energetyczna S.A., Enea und Tauron. Dies ist ein anschauliches Beispiel für das Umfeld des polnischen Versicherungsmarkts, das auch auf die Propertysparte des Marktes ausstrahlt.

Das gesamte Beitragsvolumen des polnischen Versicherungsmarktes beträgt 13,125 Mio. EUR an Gross Written Premium. Davon entfallen rund 3,5 % bzw. 459 Mio. EUR auf das Haftpflichtversicherungsgeschäft (dies umfasst alle Player, Kleingewerbe- Mittelständisches sowie Großindustriegeschäft).

Hauptakteure bei den Versicherern sind PZU, Warta (Talanx), ERGO Hestia und die Allianz Polen (die ca. 8 % des Prämienaufkommens am Markt für sich verbucht).

Was generell für die Haftpflichtsparte in Osteuropa gilt, trifft teilweise auch auf den polnischen Markt zu, den man, knapp ausgedrückt, weiterhin als sehr „weich“ bezeichnen kann.

Wegen der geringen Marktreife fehlen echte Marktzyklen. Der seit dem Jahr 2000 zu beobachtende Beitragsrückgang hält noch an. Die aktuelle Combined Ratio des Marktes über alle Sparten beträgt rund 97 %, wobei mit einem Anstieg in den kommenden Jahren zu rechnen ist.

Die fortdauernde Tendenz zu Prämiensenkungen spiegelt sich in einer negativen Entwicklung bei den gezeichneten Bruttoprämien wider (2016: ca. - 8 Prozent). Ursache dafür sind u.a. Abschläge auf Vertragserneuerungen zwischen 10 und 20 Prozent - bei öffentlichen Ausschreibungen auch mehr.

Die häufigsten angefragten Deckungen sind Betriebs- und Produkthaftpflicht-Versicherungen, die erweiterte Produkthaftung, die Arbeitgeberhaftpflicht, Haftpflicht für Obhutsschäden und Mietsachschäden. Wegen des harten Wettbewerbs kommt es zu raschen Erweiterungen bei Deckungsumfang und Limits.

Die Versicherungsfall Definitionen sind standardmäßig, üblich ist das Ereignis-Prinzip, beim PI Geschäft das Verstoß- ("act committed") und das Anspruchserhebungs-prinzip ("claims made") sowie bei Pflichtversicherungen das Verstoßprinzip.

Bezüglich der Deckung ist eine gewisse Marktreife festzustellen im Hinblick auf Deckungen, wie sie in ähnlicher Form für den Haftpflichtversicherungsmarkt in den USA typisch sind (entgangener Gewinn, Nutzungsausfall, etc.).

Eine besondere Bedeutung spielt die Solidarhaftungsklausel (Joint Liability Clause), die normalerweise Bedingung bei  öffentlichen Ausschreibungen ist.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Haftpflichtversicherungsmarkt in Polen in den nächsten Jahren weiter wachsen wird. Das könnte langfristig zu einem Anstieg bei den Bruttoprämien führen und die Entwicklung neuer Produkte beflügeln, z.B. im Bereich Produktrückruf-Deckung, Pharmarisiken, Umwelthaftpflichtversicherung, Cyber-Lösungen, Haftpflichtdeckungen für die chemische Schwerindustrie, etc. In Anbetracht dieser Erwartungen freuen wir uns auf die Herausforderungen, denen wir uns in nächster Zukunft in den osteuropäischen Haftpflichtversicherungsmärkten stellen werden.

|1| Albanien, Weißrussland, Bosnien-Herzegowina, Bulgarien, Kroatien, Tschechien, Ungarn, Kosovo, Mazedonien, Moldawien, Montenegro, Polen, Rumänien, Serbien, Slowakei, Slowenien, Ukraine
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