Die Zukunft hat schon begonnen

Anfang November fand in Bonn die Weltklimakonferenz statt. Das Ziel des Klimagipfels, die globale Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad zu begrenzen, ist ohne eine Weiterentwicklung der Erneuerbaren Energien nicht zu erreichen. Vor diesem Hintergrund lagen die fast zeitgleich stattfindenden AGCS Expertentage mit ihrem Thema „Green Energy“ genau richtig.  Mehr als 140 Fachleute aus 15 Ländern kamen in München zu einem interdisziplinären Austausch insbesondere über Erfahrungen und neue Entwicklungen bei  Solar- und Windenergieanlagen zusammen. Dr. Johannes Stoiber und Stefan Thumm, Geschäftsführer der Allianz Risk Consulting GmbH und Gastgeber der AGCS Expert Days, geben hier ihre Eindrücke und Erkenntnisse aus der Veranstaltung wieder.
In diesem Jahr hatten wir uns inhaltlich wieder stärker auf die technischen Aspekte eines Themenkomplexes konzentriert. Die einzelnen Vorträge, von externer wie von Allianz-Seite, haben sich ausgezeichnet ergänzt, das war eine runde Sache. Es ging um neueste Entwicklungen und risikotechnische Betrachtungen bei erneuerbaren Energien; dabei lag der Schwerpunkt auf der Solar- und der Offshore Windenergie - das sind Branchen, die boomen.
Die Nachfrage nach Versicherungen in allen Projektphasen der alternativen Energiegewinnung ist stark gestiegen, wir haben es hier mit einem hoch dynamischen und innovativen Markt zu tun. Die Industrie im Bereich Erneuerbare Energien (EE) steht zunehmend unter dem Druck, effizienter und profitabler zu werden, was Konsequenzen auf der Risiko- bzw. Schadenseite hat. Mit der globalen „Green Energy Initiative“ bündelt die AGCS ihre weltweite Expertise in diesem Bereich (Präsentation von Chris van Gend, AGCS). Eine TED-Umfrage im Publikum brachte den Wunsch nach Support durch die AGCS denn auch deutlich zum Ausdruck. Das klare Bekenntnis der AGCS zur Energiewende wurde auch nochmals von Vorstandsseite bekräftigt.
Wetterrisiken, also ein Zuviel oder ein Zuwenig an Sonne, Regen, Schnee, hohen oder niedrigen Temperaturen, haben an Volatilität zugenommen. Viele Unternehmen sind von ihnen abhängig, natürlich auch solche, die im Bereich EE tätig sind: Zu wenig Sonne schadet Photovoltaik-Betreibern, warme Winter sind für Energieanbieter von Nachteil. Sofern die Ertragsergebnisse vom Wetter abhängig sind, lohnt es sich für Unternehmen, über eine Wetterversicherung nachzudenken (Präsentation von Karsten Berlage von ART).

Der Gesamtblick auf das, was wir gehört haben, macht deutlich: Der Trend zur Weiterentwicklung der Erneuerbaren Energien in Deutschland, Europa und weltweit hat an Fahrt aufgenommen. Die Technik, insbesondere im Bereich Solar- und Windenergie, ist ausgereifter, sicherer und günstiger geworden. Bei den EE-Anlagen geht es jetzt um Standardisierung in der Herstellung und um eine bessere Wartung. Man hat aus den Erfahrungen und Schäden in den Pionierjahren gelernt. Analysen der „historischen“ Daten nutzt man inzwischen für digitales Monitoring - es wird aktiv Risk Management betrieben. Außerdem zog sich das Thema Profitabilität durch fast alle Vorträge. Die Kosten für die Investitionen sind geringer geworden, Ökostrom wird mehr und mehr wettbewerbsfähig. Gerade wegen der Kosteneinsparungen bei Bau und Betrieb und mit dem Einsatz neuer Technologien ist allerdings auch mit weiteren Schäden zu rechnen.
Und die Entwicklung geht natürlich weiter. Wir sehen enorme Ambitionen für die Zukunft: Innovative Ideen wie künstliche Inseln in der Nordsee oder eine „Strombank“ wurden vorgestellt.

Klar wurde auch: Kein Land kann den Fortgang der Energiewende im Alleingang tun, hier müssen die jeweiligen Regionen viel stärker kooperieren und Synergien nutzen.

In sonnenreichen Regionen (z.B. in Südafrika, in der Sahara oder auf der Arabischen Halbinsel) wird die Energiegewinnung aus solarthermischen Kraftwerken (Concentrated Solar Power (CSP)) immer wichtiger. In Verbindung mit Photovoltaik-Anlagen ergeben sich zunehmend wettbewerbsfähige Energieerzeugungsanlagen. Um die Solarthermie noch effizienter zu nutzen, experimentiert man mit neuen Wärmeträgern, wie z.B. Silikonöl, Flüssigsalz (molten salt) oder Feststoffteilchen (solid particles). Aktuelle Forschungen werden übrigens auch in Deutschland, am Solarturm der Versuchsanlage in Jülich, durchgeführt (Präsentation von Prof. Robert Pitz-Pal, Deutsches Institut für Luft- und Raumfahrt)
Seit 2007 haben wir mit Schäden in solarthermischen Kraftwerken zu tun. Die Erkenntnisse daraus hat Dr. Bernhard Persigehl gemeinsam mit seinem Kollegen Tomas Blas von der AGCS in Madrid bei den Expert Days vorgestellt. Sie machten beispielsweise deutlich, dass spezielle Betriebsbedingungen zu Belastungen bei sonst zuverlässigen Komponenten führen, und in Verbindung mit Schwächen bei der Herstellung gravierende Folgen haben können. Die beiden Ingenieure aus Underwriting und AZT gaben auch gleich ein paar konkrete Empfehlungen, wie solche Schäden vermieden werden können. (Präsentation von T. Blas, AGCS und Dr. Bernhard Persigehl, AGCS).

Ja, und genau da liegt das Problem. Der andauernde Preisverfall bei Photovoltaik(PV)-Anlagen kann beim Anlagenbau und -betrieb zu Qualitätsverlusten und damit auch zu Ertragseinbußen führen. Als Reaktion darauf hat der deutsche Energieversorger E.ON für sich eine Datenbank entwickelt, die -auf Basis gesammelter Daten und Erfahrungen- Qualitätsstandards für die Planung, die Installation und den Betrieb von PV-Anlagen über eine APP leicht und in Echtzeit zugänglich macht (Präsentation von Michael Blödner von E.ON Energie Deutschland).

Ein weiterer Vortrag beschäftigte sich übrigens mit den Ergebnissen eines Forschungsprojektes zur Belastbarkeit und Degradation von PV-Modulen. Bei diesem Projekt, an dem das Allianz Zentrum für Technik maßgeblich beteiligt war, ging es um die Frage, inwieweit PV-Module, die bereits feine Risse aufweisen, verschiedenen Wetterbedingungen (Druck durch Wind und Schnee) oder ‚rabiaten‘ Säuberungsaktionen (z.B. durch Betreten der PV-Module beim Reinigen) standhalten. Das Ergebnis mehrerer Feld- und Laboruntersuchungen verblüfft:  Zellrisse in PV-Modulen sind halb so schlimm. Zwar erweitern sich die Risse durch verschiedene Druckeinwirkungen, doch sobald der Druck auf die PV-Flächen nachlässt, schließen sich die Risse wieder, und: Die Leistung wird praktisch nicht beeinträchtigt. Diese Forschungsergebnisse sind noch ganz „frisch“ und erscheinen in Kürze im PV-Magazin (Präsentation von Dr. Claudia Buerhop-Lutz vom Bayerischen Zentrum für Angewandte Energieforschung).

Absolut. Bent Christensen von Siemens Gamesa, sieht in der Nordsee die "Windquelle Europas“, deren gewaltiges Potenzial noch kaum genutzt wird. Immerhin, seit den Anfängen der offshore Windenergiegewinnung Anfang der 90er Jahre hat sich einiges getan: Die Windräder werden immer größer, ihre Komponenten immer leichter, ihre Bauzeit ist gesunken und ihre Leistungskraft gestiegen - kurz, die Offshore Windenergie wird zunehmend wettbewerbsfähig.

Und die Entwicklung schreitet fort: In Dänemark (Nissum Bredning) testet Siemens gerade ein neuartiges Fundament, und es gibt Pläne für schwimmende Plattformen, die bei hohen Meerestiefen die ideale Lösung wären (Präsentation von Bent Christensen von Siemens Gamesa).

Auch die Firma TenneT, der große niederländische Stromnetzbetreiber, verfolgt die Vision, die Nordsee zu einem Wind Power Hub zu machen. Weit draußen im Meer sollen einmal Windparks auf künstlichen Inseln entstehen, die mit UK und dem europäischen Festland verbunden sein werden. Natürlich können solche Projekte nur durch eine enge internationale Zusammenarbeit verwirklicht werden (Präsentation von Maarten Dirkes, TenneT Holding).

Da ist zum einen natürlich die Politik gefragt. Unabhängig davon gehen einige offshore-Player das Thema Refinanzierung durchaus innovativ an. Zum Beispiel Ørsted (vormals DONG), der Weltmarktführer im Bereich Planung, Bau und Betrieb von Offshore Windparks. Ørsted schließt nicht nur Partnerschaften mit Wettbewerbern, sondern auch joint ventures mit Unternehmen außerhalb ihrer Branche (z.B. Lego), die, ob aus strategischen Gründen oder aus Verantwortungsbewusstsein, in grüne Energie investieren und auch bei ihrer Produktion ganz auf grüne Energie setzen (Präsentation von Volker Malmen, DONG Energy Wind Power Germany GmbH)
Die gibt es natürlich, und wenn es tatsächlich zu Schäden kommt, dann sind diese beträchtlich. Unsere Schadenexperten Petrus Knollmüller, Dr. Thomas Griggel und Oliver Höck fanden heraus, dass Schäden an Offshore-Windanlagen 10 mal so hohe Kosten verursachen wie Schäden im Onshore-Bereich (man denke allein an die Kosten für Schiff, Tauchercrew und Betriebsunterbrechung wegen schlechten Wetters). Immerhin lässt sich aus der Analyse von Schäden an Windrädern, -turbinen und Konverterstationen eine ganze Menge lernen. Am häufigsten kommt es wohl zu Schäden am Turbinenstrang (während der Bauphase bis zur Abnahme), im Einzelfall am kostspieligsten hingegen sind die Kabelschäden. Unsere Schadenexperten kommen zu dem Schluss, dass sich bereits durch regelmäßige, gründliche visuelle Überprüfungen und Datenanalysen (wie sie bei Dampfturbinen gang und gäbe sind) ein guter Teil der Schäden bei offshore Wind-Turbinen verhindern ließe; insbesondere sollten die Getriebe zu Kontrollzwecken gut zugänglich sein (Präsentation von Petrus Knollmüller, Dr. Thoms Griggel und Oliver Höck, AGCS).
Inzwischen ja - im sog. Offshore Code of Practice, einem Leitfaden für das Risk Management beim Bau von offshore Windkraftanlagen. In diesem Kompendium sind nicht nur hunderte von Einzelrisiken identifiziert und bewertet, es werden auch entsprechende Maßnahmen zur Risikominimierung empfohlen. Der Leitfaden ist 2014 gemeinsam von Versicherern, Rückversicherern, Herstellern und Betreibern von Windkraftanlagen und von verschiedenen technischen Experten in akribischer Feinarbeit fertiggestellt worden, er ist übrigens auch in englischer und chinesischer Sprache erhältlich. Auf dem Plan stehen nun ein inhaltlicher Update sowie eine digitale Fassung des Offshore Code of Practice (Präsentation von Harald Dimpflmaier, AGCS).
Ein gutes Beispiel für effektive Instandhaltung bietet STEAG. Der Energieproduzent betreibt größere und kleinere Onshore-Windparks und hat auf der Basis eigener Erfahrungswerte eine IT-Lösung entwickelt, die ein umfassendes Monitoring liefert. Mit Hilfe dieser Software lassen sich Erträge steigern und frühzeitig Schäden bzw. Ausfälle erkennen. STEAG nutzt sie für ihre eigenen Anlagen, vertreibt sie aber auch an andere Windparkbetreiber (Präsentation von Dr. Christoph Guder, STEAG Energy Services GmbH).

Eine große Herausforderung ist es nach wie vor, die Lieferung und Nachfrage von produziertem Strom aufeinander abzustimmen. Um dies zu lösen, gibt es eine ganze Reihe von Technologien, die in Pilotprojekten getestet werden. Noch ist Energiespeicherung teuer und ineffizient, doch wenn deren Vorzug -ein hohes Maß an Flexibilität- erst einmal deutlich gesehen wird, und man bereit ist, dafür zu bezahlen, wird sich Stromspeicherung lohnen. Denkbar ist heute schon eine Art „Strombank“, in die man selbsterzeugte Energie einspeisen, von der man aber auch Energie beziehen kann (Präsentation von Dr. Andreas Hauer, Bundesverband für Energiespeicher).

Außerdem gehört zur Supply Chain im Bereich (grüne) Energieversorgung u.a. die Spannungswandlung mittels Transformatoren. Dr. Thomas Haring von Siemens stellte in seinem Vortrag den kürzlich entwickelten, ebenso profitablen wie umweltfreundlichen Gießharztransformator (GEAFOL) für Anwendungen im Bereich Erneuerbare Energien vor (Präsentation von Dr. Thomas Haring, Siemens).

Die Entwicklung hin zu einer zunehmend auf grüner Energie ruhenden Gesellschaft ist nicht unbedingt ein Selbstläufer, sondern unterliegt durchaus Gefährdungen. Das machte uns Frau Dr. Almut Kirchner in ihrem Vortrag über die Resilienz der Energiewende klar. Ihr Institut, die Prognos AG, wurde damit beauftragt, potenzielle Hindernisse aufzudecken, die einer Weiterentwicklung der Erneuerbaren Energien entgegenstünden. Selbst höchst seltene oder unwahrscheinliche Ereignisse (sog. "Schwarze Schwäne“) sollten hierbei in Betracht gezogen werden. Das Institut kam zu dem Ergebnis, dass die Energiewende dauerhaft stabile Bedingungen brauche - in politischer, ökonomischer, infrastruktureller und gesellschaftlicher Hinsicht.

Als größtes Hindernis wird das ökonomische angesehen und genau das zeigt sich ja im Moment: Die anhaltend niedrigen Preise für fossile Energieträger stellen für die Erneuerbaren Energien einen Nachteil dar. Da ist die Politik gefragt. Und es braucht eine bessere Kommunikation, um die Transparenz und die gesellschaftliche Akzeptanz der Energiewende zu erhöhen. (Präsentation von Dr. Almut Kirchner, Prognos AG)

Davon konnte uns Philip Godron von der "AGORA Energiewende", einem Think Tank in Berlin, ein Bild machen. In den kommenden Jahren werden sich verschiedene Trends verstärken, die wir, in Ansätzen, schon sehen: Das sind u.a. die Dezentralisierung, Digitalisierung und Demokratisierung der alternativen Energiegewinnung, oder die Abnahme der Energiepreise. Ebenso wird der Rückzug aus der Kohle prognostiziert.

Ziel ist es ja, bis 2030 den Anteil der Erneuerbaren an der Stromerzeugung in Deutschland auf 60% zu erhöhen. Dafür bedarf es noch mehr Effizienz und einer besseren Vernetzung mit den europäischen Nachbarn (Präsentation von Philip Godron, Agora Energiewende).

Green Energy ist ein globaler Trend. Aber man schaut auf Deutschland, dem immer noch eine Vorreiterrolle zugeschrieben wird. Damit stehen wir in einer gewissen Verantwortung, den internationalen Austausch zu fördern - als einer der globalen Versicherer allzumal. Während der Tagung war eine hohe Aufmerksamkeit zu spüren und ein echtes Interesse an den Erfahrungen und „Lernkurven“ aus den einzelnen Branchen.

Egal, woher die Teilnehmer kamen, alle vereint doch das Bestreben, die Erneuerbaren Energien voranzubringen.

Die Mühe hat sich gelohnt. Und 2019 gibt es die nächsten Expert Days - sicherlich wieder mit einem spannenden Thema.

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