„Der 3D-Druck wird alles revolutionieren“

Der frühere US-Vizepräsident Al Gore hält den 3D-Druck für ähnlich bedeutsam wie die Erfindung des Fließbands durch Henry Ford. Grund genug, sich intensiver mit dem neuen Produktionsverfahren zu beschäftigen, dachten sich Michael Bruch und Jürgen Weichert, zuständig für neue Trends bzw. neue Produkte bei der AGCS in München. Das Ergebnis ihrer Arbeit ist im Handbuch „3D Printing“ nachzulesen, das jüngst im C.H.BECK-Verlag erschienen ist.

Welche neuen Erkenntnisse haben Sie in das Handbuch „3D Printing“ einbringen können?
Jürgen Weichert (JW): Neben dem 3D-Druck als neuem Produktionsverfahren verändert sich auch der Kreis der an diesem Verfahren Mitwirkenden. Es treten neue eigenständige Akteure auf, mit ihrer je eigenen Haftung. Zu nennen sind hier vor allem die Produktdesigner, Internetmarktplätze und die 3D-Druckereien.

Beginnen wir mit dem Produktdesigner. Was muss er beachten?
JW: Das 3D-Design ist die Blaupause für das zukünftige Produkt. Es beinhaltet alle Informationen. Wenn das Design schon als Produkt angesehen werden kann, beispielsweise gemäß Produktsicherheitsgesetz, wäre der Designer haftbar. Dies führt bei unsicheren Produkten, die das Leben und die Gesundheit von Personen gefährden können (z.B. Kinderspielzeug), zu einer Rückrufverpflichtung.

Welche Haftungsrisiken kommen auf Internetplattformen zu?
JW: Wird ein 3D-Modell über eine Plattform zum Verkauf angeboten, geschieht dies zu einem wirtschaftlichen Zweck. Auch hier stellt sich deshalb die Frage, ob der Plattformbetreiber zumindest zur Warnung vor unsicheren Produkten verpflichtet ist, die nach den hochgeladenen 3D-Modelle hergestellt wurden. Denn meist kennt nur der Plattformbetreiber die Namen und Adressen seiner Nutzer-Community.  

Sie diskutieren auch mögliche Risiken für Software-Hersteller. Was ist hier zu beachten?
JW: Bei Software-Herstellern stellt sich die Frage, ob sie richtig versichert sind. Auch die Software an sich kann als Produkt angesehen werden. Softwarehersteller sollten prüfen, ob sie die entsprechende Deckung für eine Produkthaftung haben. In der Schweiz beispielsweise wird die Software bei 3-D Druckern zur Erstellung von Medizinprodukten selbst als Medizinprodukt angesehen.

Was ist bei der Risikoprüfung beim 3D-Druck sonst noch zu beachten?
JW: Im Prinzip ist der 3D-Druck nur eine andere Art von Produktionsverfahren. Durch die vielfältigen Möglichkeiten der Produkterstellung, wie beispielsweise für Lebensmittel, Kinderspielzeug, Medizinprodukte, Teile für die KFZ oder Luftfahrtindustrie unterliegt dieses Herstellungsverfahren auch den jeweils einschlägigen Normen und Gesetzen, dementsprechend auch der je eigenen  Haftung.

Wie beurteilen Sie die Wachstumschancen dieses neuen Produktionsverfahrens?
Michael Bruch (MB): Für 2017 wird der Markt für 3D-Druck (Maschinen und Services) bei 8,8 MRD USD gesehen. Dies ist ein Anstieg um 70 %.  Dem 3D-Druck wird ein weltweites Potenzial von 640 MRD USD zugetraut, dies wären 5% des weltweiten Marktes aller Hersteller. 3D-Druck ermöglicht eine andere Konzeption der Produkte; durch das additive Verfahren wird weniger Material benötigt und die Produkte können anders designt werden – so sind beispielsweise bionische Strukturen möglich.  Es wird auch diskutiert, ob es sich angesichts des 3D-Drucks lohnt, weite Teile der Massenproduktion aus Billiglohnländern wieder zurück und damit näher zum Endkonsumenten zu holen. Dadurch würden sowohl Lohn- als auch Logistikkosten eingespart werden. Früher wurde Zahnersatz in Billiglohnländern hergestellt. Heute lassen sich verschiedenste Zahnersatzformen individuell per Drucker herstellen. Ob es sich für Massenprodukte lohnt, auf den 3D-Drucker zurückzugreifen (und falls ja, für welche), wird die Zukunft zeigen. Dass der 3D-Druck alles revolutionieren wird, ist allerdings schon heute absehbar.

Warum beschäftigt sich die AGCS mit 3D-Druck?
MB: Die Produktion in volldigitalen Werkstätten wird noch effizienter und flexibler – und gleichzeitig, auch aus Versicherersicht, sehr viel komplexer. Natürlich begleiten wir unsere Kunden bei der Veränderung ihrer Produktionsprozesse und den damit verbundenen neuen Haftungsfragen. Auch im Bereich der Schadenverhütung und -minderung sehen wir neue Möglichkeiten: 3D-Drucker könnten im Schadenfall zügig Ersatzteile produzieren, was die Dauer einer Betriebsunterbrechung reduzieren würde. 

Wie kam die Zusammenarbeit mit dem Herausgeber des Handbuchs, Rechtsanwalt Dr. Andreas Leupold, zustande?
MB: Herr Leupold suchte Versicherer, die sich für das Thema 3D-Druck interessieren. Bei uns traf er auf offene Ohren.

Im Flugzeugbau, bei Prothesen und Designobjekten wird der 3D-Druck bereits eingesetzt. Was erwartet uns in Zukunft?
MB: Designte Lebensmittel wie Nudeln, Ersatzteile im Generellen, und speziell für Autos, die Herstellung von Medikamenten vor Ort in der Apotheke oder im Krankenhaus, Bauelemente für Häuser – es scheint kaum Grenzen zu geben. Geplant wird auch, komplette Autos, Gebäude oder Flugzeuge zu drucken. In der Medizin wird untersucht, ob sich Gewebe und damit funktionsfähige Organe herzustellen lassen, um Transplantationen zu ersetzen. Ja sogar am 4D-Druck wird schon geforscht:  Ein Werkstoff wird im herkömmlichen 3D-Verfahren gedruckt und verändert dann eigenständig - etwa durch Wärme, Licht oder Wasser - seine Größe oder andere Eigenschaften. 

Die Autoren geben im vorliegenden Beitrag vor allem ihre private Meinung wieder. Zur angesprochenen Publikation des Beck-Verlages haben die Autoren ausschließlich als Privatpersonen beigetragen. Die AGCS übernimmt keine Haftung für irgendwelche Inhalte, Aussagen oder Auslegungen im Zusammenhang mit der genannten Publikation des Beck-Verlages.
Sign up to e-update
Allianz operates as an international insurer on almost every continent. Find Allianz in your own country/region.
With the Allianz network AGCS provides services in over 200 countries and territories.