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Allianz D&O-Studie: Höheres Risiko für Manager durch neue Haftungsszenarien und steigende Klagebereitschaft

  • Haftungsrisiko von Führungskräften steigt durch zunehmenden Aktivismus von Aktionären und Regulatoren weltweit.
  • In Deutschland dominieren Innenregresse bei D&O-Fällen. Kosten für Rechtsverteidigung nehmen zu.
  • Compliance-Verstöße als Hauptursache von D&O-Schadenfällen.
  • Managern drohen neue Haftungsrisiken in den Bereichen Cyber, Datenschutz und Reputation.Übernahmen und Fusionen bleiben weiterhin kritisch.

PRESSEMITTEILUNG. München. 28. November 2016.

Neue Risiken wie Cyber- und Datenschutzvorfälle, zunehmender Aktivismus von Aktionären oder Aufsichtsbehörden sowie der Einfluss von Prozessfinanzierern steigern das Risiko für Führungskräfte, für unternehmerische Entscheidungen persönlich haftbar gemacht zu werden. Dies geht aus der aktuellen Studie „D&O Insurance Insights: Management Liability Today“ der Allianz Global Corporate & Specialty (AGCS) hervor. Der Allianz Industrieversicherer zählt zu den führenden Anbietern von Managerhaftpflichtversicherungen (Directors and Officers-Versicherung/D&O-Versicherung).

„In Deutschland kann der Aufsichtsrat das Management in vielerlei Hinsicht belangen. Es ist oft ein schmaler Grat zwischen unternehmerischen Geschäftsentscheidungen und rechtswidrigem Fehlverhalten“, erklärt Martin Zschech, Regional Head of Financial Lines Central & Eastern Europe. Im Falle von Pflichtverletzungen wie Compliance-Verstößen drohen Vorständen und Top-Managern kostspielige Untersuchungen, Zivilverfahren oder gar strafrechtliche Ermittlungen, die die Finanzen des jeweiligen Unternehmens wie auch das persönliche Vermögen der Betroffenen bedrohen. Gegen solche Haftungsrisiken schützen D&O-Versicherungen, indem sie etwaige Schadenersatzleistungen der Manager sowie die Kosten der Rechtsverteidigung übernehmen.

Der rechtliche Rahmen für Managerhaftpflicht unterscheidet sich von Land zu Land. Gleichwohl sehen AGCS-Experten einen weltweiten Trend: „Zunehmender Aktivismus von Aktionären oder Aufsichtsbehörden hat sich zu einem weltweiten Phänomen entwickelt”, erklärt Bernard Poncin, Global Head Financial Lines, AGCS. Während im angelsächsischen Raum Aktionärs- und Sammelklagen gegen Unternehmen und ihr Management häufig zu D&O-Fällen führen, sind diese in Europa weiterhin nur eingeschränkt möglich. Das Musterklageverfahren im Fall des Emissionsskandals eines Automobilherstellers, bei dem hunderte Investoren ihre Klagen bei einem deutschen Landesgericht eingereicht haben, gilt daher als Präzedenzfall.

In Deutschland lösen häufig Korruption und Betrug sowie Wettbewerbs- und Kartellrechts-verstöße D&O-Fälle aus. Das betroffene Unternehmen, das sich mit hohen Strafzahlungen konfrontiert sieht, versucht das eigene Top-Management in Haftung zu nehmen. „Rund 80 Prozent der D&O-Fälle in Deutschland beruhen auf einem solchen Innenregress“, erklärt Stephan Kammertöns, Global Head of Financial Lines Claims, AGCS.

D&O-Regulierung – immer langwieriger und kostspieliger

Deutschland zählt, neben den USA und Australien, zu den Ländern mit den meisten D&O-Schadenfällen. Diese sind zuletzt stark gestiegen: So verdreifachte sich die Zahl der deutschen D&O-Schadenfälle von Großunternehmen, an denen die AGCS beteiligt ist, in den vergangenen zwanzig Jahren von 40 auf rund 120 jährlich. Wesentliche juristische Ursachen für D&O-Fälle sind laut einer Analyse von 576 AGCS-Schäden weltweit (2011 bis Mitte 2016): Compliance-Verstöße, Sorgfaltspflichtverletzungen bei unternehmerischen Entscheidungen, Fehler in der Unternehmensführung, etwa bei der Überwachung und Kontrolle eines Unternehmens, Verstöße gegen Treuepflichten gegenüber dem Unternehmen sowie unzulängliche oder fehlerhafte öffentliche Informationen.

Auch wenn die große Mehrheit der D&O-Fälle über einen außergerichtlichen Vergleich beigelegt wird, werden Gerichtsverfahren häufiger. Dies ist unter anderem auch dem wachsenden Einfluss von Prozessfinanzieren geschuldet, die Sammelklagen finanzieren oder die Prozesskosten eines klagenden Unternehmens übernehmen. Im Erfolgsfall erhalten sie einen Anteil an der Entschädigungsleistung. Während die Klagefreudigkeit in Europa und vielen Ländern Asiens von niedrigem Niveau aus steigt, sind die USA in dieser Hinsicht schon länger ein heikles Terrain. Die Zahl der Aktionärssammelklagen gegen US-Unternehmen und deren Management steuert in diesem Jahr auf einen neuen Rekordwert zu.[1]

Einen großen Schadenfall abzuwickeln, dauert im Schnitt drei bis sechs Jahre. Allein die Kosten für die Rechtsverteidigung, also die Gerichts-, Anwalts-, oder Sachverständigen-kosten, belaufen sich durchschnittlich auf rund 10 Mio. US-Dollar und explodieren in großen Fällen sogar auf bis zu 100 Mio. US-Dollar. Generell haben sich in den vergangenen sechs Jahren die Abwehrkosten für große D&O-Fälle in den USA nahezu verdoppelt. Auch in Deutschland zeigt sich ein ähnlicher Trend: „Die Kosten für die Rechtsverteidigung verbrauchen oft einen erheblichen Teil der Deckungssumme einer Managerhaft-pflichtversicherung“, erklärt Kammertöns.

Cyberrisiken und Datenschutz als neue Haftungsrisiken

Manager werden oft für ihre Entscheidungen im Rahmen von Übernahmen und Fusionen zur Verantwortung gezogen. „M&A, aber auch Verkäufe und Kapitalerhöhungen zählen zu den kritischeren Phasen in einem Unternehmen. Die Erwartungen sind immer hoch, und Synergien sind einfacher geplant als realisiert“, erklärt Poncin. Daneben drohen Top-Managern auch eine Reihe neuer Haftungsrisiken. So könnten sie künftig stärker für die Folgen von Cyberattacken oder Datenschutzverletzungen in Haftung genommen werden. In den USA wurden bereits Sammelklagen gegen die Unternehmen Target und Home Depot erhoben, nachdem sie Opfer von Cyberattacken geworden waren. Durch die geplante Verschärfung der Datenschutzregulierung in Europa mit der Einführung von hohen Bußgeldern erwarten AGCS-Experten künftig eine steigende Zahl von D&O-Fällen rund um Cybersicherheit und Datenschutz. „Die Wahrnehmung ändert sich gerade, aber noch immer betrachten einige Vorstände Cybersicherheit als ein Fachthema. Doch IT-Sicherheit liegt klar im Verantwortungsbereich eines Vorstands – und wer dies auf die leichte Schulter nimmt, geht ein beachtliches Risiko ein“, betont Zschech. Weitere neue Haftungsrisiken für Manager könnten sich aus Vorwürfen oder öffentlichen Protesten gegen ein Unternehmen wegen Umweltverschmutzung, Klimaschädigung oder Zwangsarbeit in weltweiten Zuliefernetzwerken ergeben.

Risikomanagement und Compliance-Richtlinien auf Höchstniveau

Um die steigenden Haftungsrisiken für Führungskräfte im Griff zu behalten, sind ein ausgeklügeltes Risikomanagement – das auch die Cyber- und IT-Sicherheit umfasst – und ein stringentes Compliance-Management erforderlich. „Wer in den Vorstand eines deutschen Unternehmens aufrückt, sollte sich genau ansehen, wie Corporate Governance und Compliance geregelt sind und im Unternehmen gelebt werden“, betont Zschech. „Managerhaftung in Deutschland steht und fällt mit den richtigen Kontrollmechanismen und Prozessen.“ Daher sollten sich Führungskräfte mit den geltenden Regeln zu Sanktionen, Steueroasen, Kartellrecht und Korruption auseinandersetzen.  Zschech: „Compliance ist aber auch eine Frage der Haltung und der Werte – das Management muss Regeltreue vorleben und kontinuierlich einfordern, damit sie Teil der Unternehmenskultur wird.“ Im eigenen Interesse sollten Manager alle relevanten Vorgänge und Entscheidungen dokumentieren und einen offenen Kommunikationsstil mit Aufsichtsbehörden, Investoren und Mitarbeiter pflegen.

D&O-Versicherungen gibt es in Deutschland seit Anfang der 90er Jahre; heute gehören sie standardmäßig in das Versicherungsportfolio von Großunternehmen. Um die erforderlichen Deckungssummen in bis zu dreistelliger Millionenhöhe aufzubringen, bilden sich Konsortien aus mehreren beteiligten  Versicherern. D&O-Versicherungen bieten Vorständen und Top-Managern den „Ausgleich begründeter Ansprüche und die Abwehr unbegründeter Ansprüche“. Nicht gedeckt sind strafbare Handlungen oder wissentliche Pflichtverletzungen. In Deutschland sind Vorstände von Aktiengesellschaften gesetzlich verpflichtet, einen Teil des Schadens aus eigener Tasche zu bezahlen. Um sich dagegen abzusichern, können sie selbst privat sogenannte Selbstbehaltsversicherungen abschließen.

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[1] 119 neue US-weite Aktionärssammelkalgen wurden im ersten Halbjahr 2016 registriert, so der Cornerstone and the Stanford Law School Securities Class Action Clearinghouse’s Report.

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