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agcs.momentum

Wie resilient ist Ihre Lieferkette?

Effektives Supply-Chain-Management ist ein wirksames Instrument, wenn es darum geht, die Risiken von Betriebs- und Lieferkettenunterbrechungen zu identifizieren, zu reduzieren und hierfür adäquaten Versicherungsschutz einzukaufen. Die für die betrieblichen Zwecke durch ein ausgeprägtes Supply-Chain-Management erarbeiteten Abläufe, Daten und Risikoidentifizierung sind in der Folge auch die Basis für eine bedarfsgerechte Versicherungslösung.

Mit seinem Beitrag über die Bedeutung von Lieferketten-Management für die BU-Versicherung knüpft Volker Münch an den Artikel seines Kollegen Ralf Dumke in der Dezember-Ausgabe von agcs.momentum.

> Diesen Artikel können Sie hier als pdf-Dokument zum Download finden.

Über den „Sinn und Zweck einer systematischen Betriebsunterbrechungsanalyse“ berichtete Ralf Dumke bereits in der letzten Ausgabe von agcs.momentum: Betriebsunterbrechungsrisiken stellen eine erhebliche Gefährdung für Unternehmen dar. Durch eine systematische Analyse des Betriebslaufes können Engpässe erkannt und präventive Maßnahmen ergriffen werden, um einen Stillstand der Produktion zu vermeiden.  Eine solche Analyse gelingt am besten in enger Zusammenarbeit zwischen den Risikomanagern auf der Unternehmensseite und erfahrenen externen Beratern. Allerdings beschränkt sich eine solche Analyse in der Regel auf die eigenen Produktionsstandorte.

Lieferketten sind in den letzten Jahren immer komplexer geworden und damit ist auch die gegenseitige Abhängigkeit von Lieferant und Kunde gestiegen;  "Just-in-time" und "schlanke Produktion" sind gängige Praxis. Diese Entwicklung, in Verbindung mit dem Trend zu globalen Lieferketten und einer Zunahme bei den Naturkatastrophen (häufig an Produktionsstandorten der neuen Zulieferer), macht Unternehmen immer anfälliger für Betriebsunterbrechungen, deren Ursache außerhalb ihres eigenen Einflussbereiches liegen. Das Gefährdungspotential aus Betriebs- und Lieferkettenunterbrechungen wurde im Allianz Risk Barometer 2015 von 46% der Befragten als Geschäftsrisiko Nr. 1 genannt.

Mit Hilfe von Betriebsunterbrechungsanalysen und daraus entwickelter Notfallpläne können Geschäftsrisiken erkannt und minimiert werden. Allerdings bedarf es eines firmenübergreifenden Lieferkettenmanagements, um auf Veränderungen reagieren zu können.

Die Ursachen für Betriebsstillstand und Lieferkettenunterbrechung sind vielfältig und verändern sich fortlaufend. Das betrifft die interne Lieferkette gleichermaßen wie die externe. Eine solide Supply-Chain-Management-Struktur ist die Voraussetzung dafür,  einzelne Gefährdungen zu erkennen und zu mindern.

Was zeichnet eine solide Supply-Chain-Management Struktur aus und - gibt es das Idealmodell?

Jedes Unternehmen hat spezifische Anforderungen an seine Lieferketten. Wer verderbliche Waren produziert, kooperiert in der Regel mit Lieferanten aus derselben Region. Global agierende Unternehmen in der Automobilindustrie hingegen beziehen Rohstoffe und produzieren Teilprodukte in verschiedenen Regionen der Welt. Aus diesem Grund wird die Struktur des Supply-Chain-Managements unterschiedlich sein. In beiden Fällen besteht die Notwendigkeit, die im Betrieb vorhandenen Informationen über die Lieferketten (wie zum Beispiel kritische Zulieferer, Produktionsstandort, alternative Zulieferer etc.) und die Aufgaben der agierenden Abteilungen (Einkauf, Logistik, Finance etc) innerhalb des Unternehmens zusammenzuführen und für das Lieferketten-Management zu nutzen.

Beispiel

Die im Artikel von Ralf Dumke vorgestellte fiktive Firma RoboFly produziert Raketenrucksäcke für Erwachsene. Für die Triebwerksproduktion werden Zulieferteile benötigt. Welche Informationen sind für die ausfallsfreie Lieferung relevant (vereinfachte Annahme))?

Die benötigte Menge und der Zeitpunkt, an dem die Teile benötigt werden (Bestellung durch den Einkauf auf Anforderung der Produktion) Herkunft der Teile und ihre Transportwege (wird i.d.R. in der Logistikabteilung erfasst).

Nehmen wir an, der Hersteller der Triebwerksteile hat seinen Firmensitz in den USA, lässt jedoch einzelne Teile in Thailand produzieren. Kommt es in Thailand zu einer Überschwemmung, muss der Einkauf bei Robofly (welcher i.d.R. nur die Firmenanschrift in den USA kennt), hierüber informiert werden, um ggf. einen anderen Zulieferer für die Produktion zu finden. Die Adresse des Produktionsstandortes des Zulieferers kennt i.d.R. die Logistikabteilung. Nur wenn sich beide Abteilungen hierüber austauschen, wird der Einkauf rechtzeitig erkennen, dass eine Lieferkettenunterbrechung wegen Überschwemmung droht und gegebenenfalls einen Ersatzlieferanten beauftragen, der idealerweise bereits im Vorfeld, im Rahmen eines Notfallplans, definiert wurde.


Wie verhalten sich Supply-Chain-Management und Versicherung zueinander? Welche Unterstützung bietet die AGCS?

Um den potentiellen wirtschaftlichen Schaden zu begrenzen und sich vor finanziellen Verlusten nach einer Störung der Lieferkette zu schützen, können sich Unternehmen gegen Betriebsunterbrechung (BU) und Rückwirkungsschäden (Contingent Business Interruption = CBI) im Rahmen ihrer Sachpolice versichern. Im Wesentlichen deckt sowohl die BU- als auch die CBI-Versicherung den Nettogewinn und die fortlaufenden Kosten der Unternehmen für den Fall, dass „eine versicherte Gefahr eine versicherte Sache zerstört“ und die Produktion unterbricht. Die Betriebsunterbrechungsversicherung kommt dann zum Tragen, wenn der Versicherte Eigentümer der beschädigten oder zerstörten Sache ist. Die CBI-Versicherung greift, wenn die betroffenen Sachen von einem Lieferanten oder Kunden kontrolliert werden, der für die versicherte Partei ("Versicherter" oder "Versicherungsnehmer") von Bedeutung ist.

In diesem Schadenszenario sind die Vermögensgegenstände des Versicherten nicht beschädigt. Allerdings würde die CBI-Versicherung ausgelöst, wenn der Versicherte gezwungen wäre, die Produktion wegen ausbleibender Zulieferung zu verlangsamen oder anzuhalten und dadurch Gewinne einbüßte, weil der Lieferant mit beschädigter Betriebseinrichtung wichtige Rohstoffe oder Bauteile nicht liefern kann oder weil der Kunde die Teile nicht beim Versicherten nachfragt.

Da Betriebsunterbrechung und lieferkettenbedingte Schäden normalerweise die Hälfte, manchmal gar bis zu 70 % der versicherten Katastrophenschäden in der Sachversicherung ausmachen, beginnen die Versicherer, größeres Gewicht auf die Lieferkette zu legen, wenn sie große Industrierisiken versichern.

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Abb 1: Verschiedene Formen von Störungen der Lieferkette (Bild: AGCS)


Um bedarfsgerechte Deckung bieten zu können müssten Versicherer theoretisch detaillierte Auskunft über die komplette Lieferkette inklusive der Produktionsstandorte der Lieferanten einholen. Dies ist jedoch -kaum realisierbar, da Lieferketten durchaus „dynamisch“ sind und man es hierbei mit mehreren hundert bis tausend Zulieferern pro Unternehmen zu tun hat. Ein gut geführtes Supply-Chain-Management allerdings ist in der Lage, die produktionskritischen Zulieferer zu identifizieren. Gerade für die produktionskritischen Zulieferer bedarf es besonderer Aufmerksamkeit und  höherer Deckungslimits im Versicherungsvertrag. Mit den korrekten Daten eines Supply-Chain-Managements kann der Versicherte einen Notfallplan entwickeln, der es dem Unternehmen gestattet, den Betrieb aufrecht zu erhalten, selbst wenn wichtige Produktionseinrichtungen oder Lieferanten plötzlich schließen. 

Industrieversicherer wie die AGCS haben die verschiedenen Industriezweige und deren Besonderheiten im Blick, sowohl bei der Risikoanalyse als auch im Schadenfall. Insbesondere bei Zulieferausfällen, die zu Betriebsunterbrechungsschäden bei mehreren Unternehmen führen, können wir die Handlungsoptionen der einzelnen Unternehmen miteinander vergleichen. Hieraus ergeben sich Erkenntnisse über gut und weniger gut funktionierende Managementorganisationen.

Um die Qualität des Supply-Chain-Managements bewerten und  Empfehlungen für potentielle Verbesserungsansätze geben zu können, nutzen wir das anerkannte Management Modell der European Foundation of Quality Management (EFQM).

Das EFQM-Modell für Business Excellence ermöglicht eine ganzheitliche Sicht auf Organisationen. Es bietet Hilfestellung für den Aufbau und die kontinuierliche Weiterentwicklung von umfassenden Managementsystemen. Unternehmen nutzen es als Werkzeug, um sich selbst zu bewerten, Stärken und Verbesserungspotentiale zu ermitteln und so ihren Geschäftserfolg zu verbessern.

Das Modell umfasst die drei Säulen:

  • Menschen
  • Prozesse
  • Ergebnisse

Um dauerhaft exzellente Ergebnisse zu erzielen, werden alle Mitarbeiter in einen kontinuierlichen Verbesserungsprozess eingebunden. Sämtliche Prozesse werden permanent überwacht, was Informationen über den aktuellen Stand und die kontinuierliche Verbesserung hervorbringt und die Ableitung künftiger Trends erlaubt.

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Abb.2: Das EFQM-Modell (Bild: http://www.efqm.org/efqm-model)

Das EFQM Modell geht von einem “Ursachen-Wirkung”-Prinzip aus:
5  “Befähiger” befassen sich mit den Maßnahmen/Aktionen einer Organisation
4  “Ergebnisse” betrachten die direkten “Wirkungen” aus den Maßnahmen/Aktionen- Dieses Modell wird auf die Besonderheit des Supply-Chain-Managements übertragen.

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Abb 3: Supply Chain Management auf Grundlage des EFQM Modells (Bild: AGCS)


Fazit:  Zuverlässiger Datenaustausch, hohe Transparenz und ein aktives Risikomanagement sind ausschlaggebend für den Versicherer, den gewünschten Deckungsumfang für Lieferkettenunterbrechung bereitzustellen..

Die Wechselwirkung zwischen der Qualität der Supply-Chain-Management-Organisation und dem Versicherungsschutz lässt sich wie folgt zusammenfassen:

  • Ein gut funktionierendes Lieferketten-Management reduziert das Risiko eines Betriebsstillstandes durch Lieferkettenunterbrechungen.
  • Es gibt nicht „die“ ideale Organisationsstruktur für Lieferketten-Management.
  • Effektives Lieferketten-Management identifiziert die kritischen Risiken, die mit Hilfe von Notfallplänen und/oder  adäquatem Versicherungsschutz  bewältigt werden können
  • International arbeitende Versicherer wie die AGCS können Unternehmen bei der Analyse ihres Supply-Chain-Managements unterstützen.
  • Eine gut geführte Organisation des Lieferketten-Managements reduziert die Menge an Daten, die der Versicherer für eine CBI-Deckung verlangen muss.
  • Der Einkauf der Versicherung wird vom Bedarf des Versicherten und nicht mehr von der Verfügbarkeit der Limits gesteuert.

Unser Experte

Volker Münch ist Global Practice Group Leader für Utilities & Services, IT Communication im Sachversicherungsbereich bei Allianz Global Corporate & Specialty in München. Er ist weiterhin einer der AGCS Experten für den Themenbereich Non Damage, Betriebsunterbrechungs-versicherung und Versicherung von Lieferketten.

E-Mail:  volker.muench@allianz.com