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Ausgedient - und dann?

Elektromobilität und Nachhaltigkeit werden häufig in einem Atemzug genannt. Doch was passiert, wenn die Leistung der Traktionsbatterie im Fahrzeug nachlässt? Die Entsorgung alter Batterien wird mit der zunehmenden Verbreitung von Elektrofahrzeugen immer wichtiger. Aktuell machen Elektroautos noch weniger als ein Prozent an Zulassungen weltweit aus.*  Daher schätzt Thomas Berning, Senior Risk Consultant Liability, die derzeitige Risikoexposition aus ingenieurtechnischer Sicht als klein und beherrschbar ein.

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Die Entsorgung von Batterien aus Elektrofahrzeugen wird in den kommenden Jahren immer relevanter werden. Denn die Lebensdauer von Traktionsbatterien auf Lithium-Ionen-Basis, die seit den 2000er Jahren überwiegend im Einsatz sind, ist relativ hoch: Bei sachgerechtem Betrieb kann man bei älterer Bauart mit zehn Jahren rechnen, derzeitig eingebaute Batterien erreichen bereits bis zu 17 Jahre.

Jedoch können Traktionsbatterien, die üblicherweise in Elektrokraftfahrzeugen (EV) verbaut werden, nicht vom Fahrzeugbesitzer selbst ausgetauscht werden. Nur Werkstätten mit besonderen Werkzeugen und Fachkenntnissen zum jeweiligen Fahrzeug und zur Technologie können hier helfen.

Denn an die kleine Einzelzelle, die sich in der Traktionsbatterie befindet, kommt man erst nach dem Ausbau der Batterie durch einen Experten – und man müsste sie anschließend noch zerlegen. Erst danach bestünde die Gefahr der unsachgerechten Entsorgung. Daher ist ein Risiko, wie es bei normalen Gerätebatterien vor Einführung der Rücknahmepflicht bestand, oder bei Starterbatterien vor Inkrafttreten der Pfandpflicht, in Deutschland nicht zu erkennen.



Zudem gibt es sowohl von der Automobilindustrie als auch von Drittanbietern Lösungsvorschläge zur sachgerechten Entsorgung und für das Recycling. Kurz- und mittelfristig wird es wahrscheinlich entweder freiwillige oder gesetzliche Pfandsysteme für Traktionsbatterien auf Lithium-Ionen-Basis geben. Hier würde sich eine gemeinsame  Einführung mit Wechselakkustationen anbieten, um gleichzeitig die Standardisierung von Traktionsakkumulatoren voranzutreiben, insbesondere, wenn Fahrzeuge und Traktionsbatterien von unterschiedlichen Herstellern stammen und ohnehin zugekauft werden.

Weitere Möglichkeiten sind Mietsysteme und der sogenannte Modul- oder gar Einzelzellentausch. Je nach Fahrzeug besteht ein Modul aus 70 bis 200 Einzelzellen, und eine Traktionsbatterie wiederum aus 6.000 bis 10.000 Einzelzellen, die modulweise angeordnet sind.

Nennenswerte Effekte für die Versicherungsindustrie zeichnen sich bisher nicht ab. Jedoch besteht die Möglichkeit, dass der Einzelzellentausch die Kosten in der erweiterten Produkthaftpflichtversicherung bzw. der Rückrufkostenversicherung in der mittelfristigen Zukunft dämpft.

Ob künftig Schwierigkeiten in Zusammenhang mit der Batterieentsorgung zu erwarten sind, ist stark davon abhängig, durch welche Normen und Gesetze die weitere Verbreitung der Elektromobilität, und damit der Traktionsbatterie aus Lithium-Ionen-Einzelzellen. begleitet wird.

Zudem ist ausschlaggebend, welche Strategie die Hersteller für Elektromobilität verfolgen: Sollten sie auf die breite Nutzung von Fahrzeugen für die Innenstadt abzielen, würden kleinere Traktionsbatterien Verwendung finden. Damit wäre das Risiko ähnlich hoch wie bei Starterbatterien und ließe sich gesetzlich regeln. Bei Fahrzeugen, die für große Reichweiten ausgelegt sind, wäre das Risiko aus technischer Sicht wegen größerer Traktionsbatterien eher klein, da dies als inhärente Sicherheit zu bewerten ist;  die Batterien sind für den unfachmännischen Ausbau zu schwer und werden darüber hinaus über der Fahrzeugelektronik überwacht.

Allerdings besteht die Gefahr, dass aus Elektrofahrzeugen ausrangierte Traktionsbatterien als Stromspeicher in der Industrie oder in Privathaushalten weiter genutzt werden. In solchen Fällen muss die Funktionsfähigkeit geprüft werden, um Personenschäden sowie hohe Sach- und Sachfolgeschäden aus Großbränden zu vermeiden. Hieraus würden sich Risiken für den Haftpflichtversicherer der Unternehmen ergeben, die diese Batterien so in Verkehr  bringen.

* Zulassungen von Elektrofahrzeugen weltweit im Jahr 2012: 100.000, 2016: 1.300.000
Quelle:
https://www.heise.de/newsticker/meldung/1-3-Millionen-Elektroautos-weltweit-auf-den-Strassen-3119779.html

 

Der Autor

Thomas Berning ist Senior Risk Consultant Liability bei der AGCS in München. Er studierte Maschinenbau und arbeitete als Schiffsingenieur und dann als Technischer Sachverständiger, bevor er vor mehr als 15 Jahren zur Allianz wechselte. Bei der AGCS begleitet er unter anderem die technische Entwicklung der Automobilindustrie aus dem Blickwinkel der Haftpflichtversicherung.

E-Mail: thomas.berning@allianz.com