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Auslaufmodell oder Zukunftspotenzial?

Über die Entwicklung der Industrieversicherung wird in Branchenkreisen viel spekuliert. Taugt das herkömmliche Geschäftsmodell für die Herausforderungen eines sich dynamisch entwickelnden Umfeldes? Bietet der Kapitalmarkt Alternativen? Welche Lösungen erwarten die Kunden und wie sehen neue Ansätze des Risiko-Transfers aus?

Dr. Christopher Lohmann, CEO der Region Zentral- und Osteuropa bei der AGCS, hat sich im Rahmen eines Vortrags beim Deutschen Verein für Versicherungswissenschaft mit diesen Fragen auseinandergesetzt[1]. Seine Beobachtungen zu dem Thema erschienen, nochmals vertieft, im Januar dieses Jahres unter dem Titel „Innovationen in der Deckung industrieller Großrisiken: Industrieversicherung am Scheideweg?“ in der Zeitschrift für Versicherungswesen[2]. Den Inhalt dieses Artikels geben wir hier, leicht gekürzt, wieder.

> Diesen Artikel können Sie hier als pdf-Dokument zum Download finden.

(…) Die Diskussion um Relevanz und Zukunft der Industrieversicherer ist nicht neu. Sie hat in diesen Tagen aber hohe Aktualität und besondere Intensität und kreist im Wesentlichen um zwei Kernfragen:

  • Welche Rolle spielen klassische Versicherungsprodukte in der Zukunft noch?
    Laufen ihnen kapitalmarktnahe Lösungen mehr und mehr den Rang ab?
  • Sind Versicherer künftig eher Dienstleister als Risikoträger?

Dieser Beitrag skizziert im ersten Schritt aktuelle Entwicklungen im Markt am Beispiel von Produktinnovationen und verfügbarer Kapazität, weil sich daraus durchaus grundsätzliche Antworten ablesen lassen: Wenn der Versicherungsmarkt ökonomischen Prinzipien folgt, dann ist für die Relevanz seiner Angebote indikativ, ob und wie rational handelnde Entscheider auf diesem Markt zusammenkommen, ob und wie sich Angebot und Nachfrage also treffen, wo das nicht der Fall ist und ob und mit welcher Dynamik der Markt auf Veränderungen reagiert.

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Ist die klassische Industrieversicherung, hier gezeigt am Beispiel von Property, ein Auslaufmodell? (Bild: Shutterstock)

Der zweite Teil des Beitrags ist weiter in die Zukunft gerichtet. Welche langfristigen Veränderungen zeichnen sich im industriellen Risikotransfer ab? Und wie können Versicherer und Kunden auch in Zukunft für beide Seiten relevante und tragfähige Deckungskonzepte und Kapazitäten entwickeln?


Produktinnovation: Cyber, Terrorismus, Krisenmanagement

(…) Die Versicherungsindustrie hat auf die veränderte Bedrohungslage ihrer Kunden reagiert. Fast alle namhaften Versicherer bieten heute eigenständige Deckungen von Cyberrisiken an, allein in Deutschland gibt es rund 15 Anbieter. Über Konsortialstrukturen lassen sich Programme mit 400 Mio. Euro Deckungssumme und mehr gestalten. (…) Als noch junges Segment entwickelt sich der Cyberversicherungsmarkt in Europa mit guter Dynamik.

Auch für die steigende Gefährdung von Unternehmen durch Terrorismus und politische Gewalt offerieren immer mehr Versicherer übergreifende internationale Deckungskonzepte, die staatliche Pools wie „Extremus“ in Deutschland oder „Gareat“ in Frankreich ergänzen. Kern ist dabei, Kunden Deckungen ihrer internationalen Terrorrisiken anzubieten, als globale Programme mit lokalen Policen, die örtlichen Vorschriften genügen. Bisher mussten sich Unternehmen dafür aufwändig Einzeldeckungen suchen oder Programme am Londoner Markt zusammenstellen lassen. (…) Daneben steigt die Nachfrage nach sog. Krisen-managementdeckungen, die Unternehmen und deren Mitarbeitern mitunter existenzielle Hilfestellungen in Extremsituationen bieten, etwa bei  Notevakuierungen oder Entführungsfällen. Auch dieses Portfolio entwickelt sich.

(…) Wichtige Impulse für Neuentwicklungen kommen von Kunden – aus Befragungen, Zufriedenheitsanalysen oder Einzelgesprächen. Nicht ganz untypisch für die neue Produktwelt ist zudem, dass neue Angebote Assistance-Dienste mit dem eigentlichen Risikotransfer verbinden. Relevante Kapazitätssummen interessieren ebenso wie laufende Beratung und schnelle, professionelle Unterstützung im Schadenfall, sei es durch IT-forensische Hilfe oder Rund-um-die-Uhr-Zugriff auf einen global aufgestellten Krisenberater.

Erstes Zwischenfazit: Die Risiken und die Bedarfe der Industrieunternehmen ändern sich, und Versicherer reagieren darauf. Es entstehen Märkte, teilweise ganz neu, teilweise als Ersatz für andere. Den meisten Industrieversicherern gelingt es, sich in einem umkämpften Markt profitabel zu behaupten. Ohne passende Angebote ginge das nicht.

Trend zu Eigentragung?

(…) Kunden platzieren Risiken im Markt, wenn durch den Transfer der Unternehmenswert gegenüber der Option Eigentragung steigt. Das ist gegeben, wenn die Kapitalkostenreduktion durch Versicherung größer ist als die Kosten der Versicherung. Würde Versicherung keine preiswerte Kapitalentlastung leisten, müssten wir den Rückzug von Kunden aus dem Risikotransfer und einen breiten Trend zur Eigenfinanzierung von Risiken beobachten. Das ist jedoch nicht der Fall.

Obwohl die Risikotragfähigkeit vieler Unternehmen gestiegen ist, sehen wir keine spürbare Ausweitung von Selbstbehalten. Die Nachfrage nach Kapazität geht marktbreit nicht zurück, im Gegenteil: Teile des Wachstums kommen daher, dass die prosperierende deutsche Wirtschaft expandiert und höhere Limite einkauft. Wirklich substantielle Eigentragungen, etwa im zweistelligen Millionen-Bereich, sind weiter selten, dreistellige Beträge die absolute Ausnahme.

Ein ähnliches Bild gilt für Captives. 2014 ist ihre Zahl zwar um 5% auf 6.700 weltweit angestiegen. In Zentraleuropa gibt es allerdings kaum nennenswerte Neugründungen. Zur Entwicklung des Geschäftsvolumens der Captives oder ihrer Retrozession sind wenig Marktdaten verfügbar. Grundsätzlich scheint das Captive-Modell aber aus zwei Richtungen unter Druck zu geraten: Zum einen durch schärfere regulatorische Anforderungen infolge von Solvency II, zum anderen durch gestiegene Anforderungen in administrativer und steuerlicher Sicht durch neue OECD-Vorgaben.

Dieser kurze Ausflug in die Deckungspraxis zeigt, dass Industrieunternehmen in der Regel nötige Kapazitäten finden und kaufen. Rationale Entscheidungen angenommen sind diese Angebote offenbar so gepreist, dass Eigentragung unattraktiv ist. Damit leistet Versicherung den vielfach gewünschten Beitrag zu einem effizienten Kapitalmanagement in Konzernen. Allerdings darf man sich nicht täuschen lassen. Sollten die Preise für Kapazität deutlich anziehen, sieht die Lage womöglich schnell anders aus. Darauf bereitet sich der eine oder andere Risk Manager schon vor und lässt sich etwa potenziell höheres Captive-Risikokapital genehmigen, um auf Änderungen des Marktes zügig reagieren zu können.


Branchenfremde Konkurrenz und frische Kapazitäten

(…) Für den anhaltenden Druck auf die Versicherungsprämien ist der Anlagenotstand an den Kapitalmärkten ein wesentlicher Treiber. Kapazität gibt es reichlich und sie wächst weiter. (…) Wie sehen kapitalmarktnahe Risikotransferlösungen aus und sind diese wirklich eine Lösung für komplexe Industrierisiken?

Die „branchenfremde“ Konkurrenz aus Verbriefungen, Sidecars oder derivaten Kontrakten beschränkte sich bisher weitgehend auf relativ einfach zu modellierende Katastrophendeckungen. Ob alternative Risikoträger bereit sind, angesichts des Kapazitätsüberangebots dort andere Risiken, also etwa Unternehmensrisiken, zu übernehmen, hängt davon ab, ob diese Risiken gemäß den hohen Anforderungen der Investoren marktfähig gemacht werden können. Signifikante Diversifikationseffekte, die eindeutige Benennung und präzise Einschätzung des Exposures und die Quantifizierbarkeit von Schäden in überschaubarem Zeitrahmen sind nötig, um Ausfallwahrscheinlichkeiten modellieren und Kapitalmarktprodukte empfehlen zu können. Dirk Lohmann, Gründer von Converium, kam beim Malta Risk Management Congress 2015 zu einem zurückhaltenden Ergebnis: Er hält wesentliche Teile der Emerging Risks – wie beispielsweise Cyber –  nicht für marktfähig. Auch für sogenannte „long-tail“-Risiken, also komplexe Haftungsfälle, deren Schadenregulierung oft Jahre andauern kann, erschließen sich alternative Märkte schwer. Nachhaftung und Abwicklungsverhalten stehen dem Anspruch der Märkte entgegen, Kapital schnell anderswo einsetzen zu können.

Auf Seiten der Kunden wird zwar zunehmendes Interesse an kapitalmarktnahen Lösungen bekundet, aber gleichermaßen existieren auch Vorbehalte und kulturelle Differenzen: Risikomanager, Broker und Versicherungen pflegen bisher langfristige Beziehungen. Daher gibt es eine gewisse Grundskepsis gegenüber kurzfristig orientierten Deals. Zudem dürften nur wenige große, internationale und in verschiedenen Geschäftsfeldern aufgestellte Konzerne die Bedürfnisse der Investoren nach adäquater Risikostreuung erfüllen. Nicht zuletzt ist klassischer Versicherungsschutz zu günstigen Preisen verfügbar. Solange die Prämien nicht deutlich anziehen, wird es daher kaum ein Versicherungseinkäufer ernsthaft erwägen, auf ein riskanteres Vehikel des Risikotransfers zu setzen.

Dass kapitalmarktbasierte Transferlösungen sich für die Absicherung von Industrierisiken breit durchsetzen, dafür gibt es im Moment keine Anzeichen. Neben den etablierten Cat-Verbriefungen gibt es vereinzelt Bondlösungen im Luftfahrt- oder Marinegeschäft. Systematisch erschlossen aber werden klassische Sparten bisher nicht. Ohnehin sind die verfügbaren Kapazitäten limitiert: Die in 2014 zusätzlich eingebrachten 12 Mrd. US-Dollar alternativen Kapitals reichen gerade aus, um vier bis fünf große Airline-Programme zu zeichnen. Über den Versicherungsmarkt werden solche Policen problemlos innerhalb weniger Tage platziert.

Aber auch wenn der Kapitalmarkt die Industrieversicherung nicht direkt aufmischt, über zwei Trends erreicht er sie zumindest mittelbar. Seit 2012 gibt es vermehrt Cat-Anleihen, die auf die beim Sponsor angefallenen Schäden auf eigene Rechnung setzen – den Ultimate Net Loss. Expertenschätzungen zufolge machen diese Art von Anleihen 75% der Neuemissionen aus. Solche Anlagen werden immer mehr von spezialisierten Fonds, an denen sich Anleger beteiligen, und weniger von institutionellen Anlegern direkt getätigt. Diese Fonds beschäftigen eigene Underwriter, die mit Rückversicherungsrisiken vertraut sind. Somit mutieren die Fonds oder die Anlageseite zu Rückversicherungsgesellschaften mit dem Unterschied, dass sie ihre Versprechen mit Cash besichern müssen. Für Unternehmensrisiken bedeutet das, dass immer professioneller aufgestellte Anleger als Kapitalanbieter zur Verfügung stehen.

Auch über das Verhalten der Rückversicherer dringt der Kapitalmarkt weiter vor. Angesichts der beschränkten Wachstumsaussichten im Kerngeschäft entdecken einige Rückversicherer derzeit die Versicherung von Industrierisiken wieder oder neu. In Monte Carlo 2015 wurden dabei Cyber und Terror als Wachstumsfelder ausgemacht. Wofür aber spricht der Eintritt neuer Wettbewerber, wenn nicht für Zukunftsfähigkeit und Relevanz des Geschäftsmodells Industrieversicherung?


Multiline-Deckungen: ein Testfeld mit Breitenpotenzial?

(…) Unsere Herausforderung und Chance ist es, die aufgezeigten Trends auf der Kapazitäts-seite einerseits und sich verändernde Kundenbedürfnisse andererseits in innovativen Deckungskonzepten nutzbar zu machen.

In diesem Kontext äußern Kunden immer wieder den Wunsch nach sogenannten Multiline-Policen, die Risiken verschiedener Sparten unter einem Deckungsdach bündeln. So forderte DVS-Chef Alexander Mahnke jüngst in einem Vortrag die „Konzentration auf das Risiko und nicht auf Sparten“ und schlägt die gemeinsame Entwicklung eines kombinierten Vermögensschaden-/Eigenschaden-Versicherungsmodells für Industriekunden vor. Viele Versicherer arbeiten bereits daran, im Entscheidungsprozess zu einzelnen Kunden eine Gesamtsicht auf das jeweilige Unternehmen und seine Risiken zu verankern, die durchaus in einen echten Ausgleich zwischen den Sparten münden kann. Für Versicherer keine ganz einfache Übung. Aber in der Diskussion steht natürlich mehr – eine Art von Universal-Police, die Risiken jenseits tradierter Spartengrenzen integriert.

Wie eine Realisierung solcher kühnen Konzepte gelingen kann, möchte ich am Beispiel  der AGCS-Tochtergesellschaft Alternative Risk Transfer (ART) ausführen. ART agiert an der Schnittstelle zwischen Versicherung und Kapitalmarkt und kann über mehrere Sparten integrierte Risikotransferlösungen anbieten. (…) Eine „Multiline-Police“ ist das jüngste Testfeld, das im Geschäftsfeld „Integrated Solutions“ bei ART angesiedelt ist. Integrated Solutions sind Deckungskonzepte, bei denen die Deckungen des Kunden nicht isoliert nebeneinander stehen, sondern durch einen gemeinsamen Selbstbehalt und ein gemeinsames Deckungslimit spartenübergreifend zusammengefasst sind. Im Kern geht es hier um die Frage, auf welcher Stufe die Diversifikation im Portfolio eines Kunden zur Wirkung kommt. Aufgrund der Spartentrennung des Versicherers passiert das konventionell erst bei seinem Gesamtergebnis. Aus Sicht des Kunden kann es vorteilhaft sein, diesen Ausgleich bereits auf der Stufe seines eigenen Portfolios vorzunehmen und sich nur gegen extreme Schwankungen abzusichern, die nicht im eigenen Portfolio ausgeglichen werden können. Das ist der Kern von Multiline: Der Kunde ist sein eigener Versicherer, der Versicherer übernimmt eher die Rolle des Rückversicherers.

In den letzten zwei Jahren haben wir mit ART Erfahrung gesammelt, wie solche komplexen und sehr individuellen Multiline-Lösungen strukturiert und mit entsprechenden Rückversicherungskapazitäten untermauert werden können. Was wir lernen konnten ist, dass hohe Professionalität beim Versicherer wie im Risk Management des Kunden die Voraussetzung ist. Dazu gehört zum Beispiel eine umfassende, sehr solide Datenbasis, etwa zu den Korrelationen zwischen den in einer solchen Multiline-Struktur gebündelten Risiken.

Ob und wie angesichts dieser Erfahrungen der Risikotransfer jenseits klassischer Produkte für das Gros der Unternehmen strukturiert sein könnte, zeichnet sich erst vage ab.

Es handelt sich bisher um wenige Einzeldeals, die nach den Prinzipien der Portfoliotheorie aufgebaut sind. Würde sich Multiline zum Marktstandard entwickeln, hätte das erhebliche Implikationen:

  • für die Strukturen von Rückversicherungsprogrammen und -märkten
  • für das (derzeit) spartenorientierte externe und interne Unternehmensreporting
  • für die Harmonisierung des Risikoappetits über die Sparten in einzelnen Wirtschaftszweigen
  • für die operativen Abläufe bei Policierung und Schadenbearbeitung auf Versichererseite
  • für ein gesamtheitliches Risk Management auf Kundenseite

Kurzum: Die heutigen Geschäftsmodelle von Maklern, Versicherern, Rückversicherern sowie das Risikomanagement auf Kundenseite müssten sich grundlegend neu ausrichten, sollten solche Multiline-Deckungen von der Ausnahme zur Regel werden. Versicherer verschließen sich diesen Veränderungen nicht, ja wollen sie vielmehr gestalten. Sie wissen aber um die Hürden. So haben wir in Zentraleuropa nur wenige Projekte gesehen, die sich am Ende nicht realisieren ließen.


Vollkasko für Unternehmensbilanzen

Neuartige Fragestellungen beschäftigen den Industrieversicherungsmarkt auch auf Seiten der Kapazitäten. Wenn Unternehmen und ihre Risiken weiter wachsen, stellt sich insbesondere für große Konzerne die Frage, ob Risikotransfer für sie überhaupt noch relevant sein kann. Unternehmen, die ein Ergebnis von 10 Milliarden Euro erzielen, brauchen auch Kapazitäten im Milliardenbereich, wenn ein spürbarer Beitrag zum Bilanzschutz und zur Gewinnglättung erreicht werden soll. Zudem entfaltet Versicherung ihre Wirkung nur, wenn zeitnah zum Schaden gezahlt wird. Mancher CFO wünscht sich, Schäden einfach gegen Versicherung buchen zu können – quasi als eine Art Bilanzschutzdeckung. Das glättet das Ergebnis, was auch Anleger und Analysten schätzen.

Die schiere Größe – in diesem Fall der potenziellen Schäden – begrenzt auch in anderer Hinsicht Kapazitäten: Für die weit überwiegende Anzahl von Risiken gibt es nennenswerte Kapazitäten, wenn Konsortien, Rückversicherer und alternative Vehikel einbezogen werden. Angebot und Nachfrage passen also zusammen. Für bestimmte Risiken ist das aber nicht der Fall. Dazu gehören die (…) Beispiele Produkthaftpflicht in der pharmazeutischen Industrie und Kfz-Rückrufdeckungen auch für Hersteller. Ihre Schäden sind oft nicht nur teuer und öffentlichkeitswirksam. Sie sind auch komplex und in der Schadenabwicklung entsprechend langwierig.

Hier gibt es neue Lösungsideen. Ein Element ist dabei die Strukturierung der Deckung. Die in der Regel sehr kapitalstarken Unternehmen übernehmen nicht nur sehr wesentliche Teile der Grunddeckung selbst. Sie erreichen auch eine Ausdehnung der für sie zu knappen Kapazitäten, wenn sie sich signifikant und gut strukturiert selbst beteiligen. Statt Prämie für Frequenzschäden teuer auszugeben und dabei verfügbare Kapazitäten unnötig zu verbrauchen, sichert sich das Unternehmen durch den maßgeschneiderten Einsatz eigener Kapazität nicht nur die vorhandene Kapazität, sondern dehnt diese aus. In der Ausgestaltung dieser Eigenbehalte sehen wir erste kapitalmarktnahe Strukturen.

Um darüber hinaus auch eine zeitnahe Verbuchung im Schadenfall zu gewährleisten, machen sich solche neuen Ansätze die Grundidee von Rückversicherung und ILS-Konstrukten zunutze, indem sie auf den Ultimate Net Loss als Auslöser setzen. Das heißt, der Versicherer würde ungeachtet der konkreten Schadenursache dann leisten, wenn dem Unternehmen ein finanzieller Verlust aus den auf eigene Rechnung gehaltenen Risiken droht, der eine vorab definierte Höhe übersteigt.

Wann lassen sich Versicherer auf solche neuartige Deckungskonstrukte ein? Zum einen ist entscheidend, dass die vom Versicherer bereitgestellte Kapazität schwer zugänglich ist:

Nur durch die substantielle Eigenbeteiligung – gerne im Milliardenbereich – ist die Lösung anreizkompatibel; dieser materielle Anreiz des Kunden wird noch verstärkt durch die mit Großschäden oftmals verbundenen negativen Reputationseffekte. Insofern wird das Unternehmen aus ureigenem Interesse in Risikominimierung und Schadenvermeidung investieren. Im Ergebnis sind die Anreizstrukturen von Kunden und Versicherern weitgehend gleichgerichtet. Zum anderen ist diese Lösung nur umsetzbar bei Unternehmen, die Erfahrung mit Krisen haben, die über starke Rechtsabteilungen verfügen, die wissen wie Ansprüche zu regulieren und, sofern nicht berechtigt, abzuwehren sind. Ist all dies gegeben, dann ist die Höhe des Schadens als ein Trigger möglich – und damit ein Ausbuchen des vom Versicherer getragenen Teils eines Großschadens.

Die Idee solcher „Bilanzschutzdeckungen“ ist wohl der radikalste Beitrag in der Diskussion um den Risikotransfer der Zukunft. Mindestens so sehr wie Multiline-Konzepte würden sie die Versicherungsindustrie vor grundlegende Veränderungen stellen. Versicherer müssten tradierte Deckungskonzepte mit umfassenden Definitionen und Ausschlüssen zur Seite zu legen und sich ein Stück weit in die Hand des Kunden begeben. Denn letztlich verzichtet der Versicherer in diesen Konstruktionen weitgehend auf die eigene Deckungs- bzw. Haftungsprüfung, die der Kunde selbst übernehmen würde.


Die neue Welt des Risikotransfers aktiv erkunden

Wie finden sich die Versicherer in dieser neuen Welt des Risikotransfers zurecht, in der kundenspezifische und oft kapitalmarktnahe Transferkonstrukte klassische Spartendeckungen mehr und mehr ersetzen oder zumindest ergänzen könnten? Grundsätzlich gibt es keinen Grund für Verzagtheit oder Fatalismus: Noch können Versicherer dank ihres Know-hows und Datenvorsprungs aus einer Position der Stärke agieren und tatkräftig mitgestalten. Kooperationen mit den Kapitalmärkten oder Lösungen des alternativen Risikotransfers könnten es ermöglichen, mittelfristig selbst kühne Konzepte zu realisieren. Wenn Industrieversicherung Kunst ist und keine Stangenware, dann müssen und werden Versicherer hier ihre Kunstfertigkeit unter Beweis stellen.

Das gilt auch für die Kunden. Die Anforderungen der skizzierten neuen Lösungsansätze an die Risikomanager sind nicht zu unterschätzen: Eine Risikostrategie im Sinne eines im Unternehmen abgesicherten Verständnisses darüber, welche Risiken selbst geschultert werden können und sollten, kennzeichnet das Risikomanagement dieser Kunden. Das erfordert ein hohes Maß an Professionalität und interner Akzeptanz.

Dass starke Unternehmen selbst mehr Risiko tragen und zu starre Sparten-Silos aufzubrechen sind, darin sind sich Versicherer und Industrieunternehmen im Grunde einig. Dass dies jedoch das Ende der Ära des klassischen Risikotransfers, wie wir ihn heute kennen, einläuten wird, daran mag ich im Moment nicht glauben. Derzeit ist in erster Linie eine theoretische Diskussion zu beobachten, hinter der nicht einmal eine Handvoll konkreter Anfragen aus der Industrie steht. Ist der Bedarf für Multiline- oder Bilanzschutzlösungen in der Breite (noch) nicht da? Sind solche Lösungen nur für die allergrößten und kapital-stärksten Unternehmen überhaupt im Bereich des Denk- und Machbaren? Oder sind die Prämien für die klassischen Deckungen am Ende so günstig, dass keine grundlegend neue Alternative oder mehr Eigentragung in der Breite Not tut? Immerhin, dann wäre bei der nächsten Volte der Kapitalmärkte mit einer wirklichen Belebung der Nachfrage nach innovativen Transferlösungen zu rechnen.

Wie es auch kommt: Die Versicherer sind sicher gut darin beraten, die neue Welt des Risikotransfers gemeinsam mit explorationswilligen Kunden Schritt für Schritt zu erforschen. Denn aus den Pionierleistungen von heute werden sich die Marktstandards von morgen entwickeln.

Zum Autor

Dr. Christopher Lohmann, CEO der AGCS Central & Eastern Europe, ist seit 2013 verantwortlich für das Industriegeschäft in Zentral- und Osteuropa.

E-Mail: christopher.lohmann@allianz.com


[1] Titel des Vortrags: „Deckt die Versicherungswirtschaft industriellen Risikoabsicherungsbedarf? Innovationen in der Deckung industriellen Risikoabsicherungsbedarfs“, gehalten am 29. September 2015 in Köln

[2] Christopher Lohmann, “Innovationen in der Deckung industrieller Großrisiken: Industrieversicherung am Scheideweg?“ in: Zeitschrift für Versicherungswesen 01/2016, S. 14 ff